Tom Buhrow

Tom Buhrow

Fotos: Michael Schultze
Tom Buhrow

Tagesthemen-Moderator

Tom Buhrow - Marathonläufer aus Trotz

Angefangen hat es 2000 in Köln. Dann kamen 2001 Paris, 2002 Washington und 2003 Chicago. 2008 lief Tom Buhrow in Hamburg seinen letzten Marathon. Vorausgesetzt, er zieht nicht mehr um. Denn dann würde er zumindest ans Grübeln kommen. Und wenn dann noch jemand kommt, der ihn so richtig anstachelt, könnte er erneut mit dem Marathontraining beginnen.

Inzwischen blickt Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow, Jahrgang 1958, auf über 30 Jahre Lauferfahrung zurück. Anlässlich eines gemeinsamen Morgenlaufs mit Andreas Butz an der Hamburger Elbe erzählte Tom Buhrow von seinen Lauferfahrungen und was Marathontraining, Charaktereigenschaften und Michelangelos Kunst verbindet.

 

Andreas Butz: Herr Buhrow, wie sind Sie zum Laufen gekommen? Gab es eine Initialzündung?
Tom Buhrow: Nein, da war kein magischer Moment. Ich war schon immer gerne draußen. Ich liebte Bewegung, aber ich war überhaupt kein Langläufer. Ich habe Langlauf früher als langweilig empfunden. Schon als Aufwärmübungen in der Schule fand ich Laufen immer langweilig. Ich bin eher ein Sprinter. Ich habe kräftige Oberschenkel. Ich konnte gut Fahrrad fahren, auch gut Fußballspielen, obwohl ich kein großer Techniker war. Ball vorlegen und dann am Gegner vorbeilaufen, das war meine Art Zweikämpfe zu führen. Und wenn ich den Raum dafür nicht hatte, dann war ich mit meinem Latein am Ende. Ich hab aber zum Beispiel mit 15 kein Mofa gehabt. Wenn andere Leute mal eben schnell Mofa und Mokick gefahren sind, bin ich weiter Fahrrad gefahren. Mir hat das immer viel Spaß gemacht. Als Kind bin ich auf Bäume geklettert. Ich war jemand, der sich gerne austobte. Das mit dem Langlauf kam erst im Studium. Als ich merkte, da schleicht sich was ein, ich bewege mich nicht mehr genug. Das fällt, wenn man über 20 ist, irgendwann alles flach und man denkt: »Ach, ich bin ja noch fit«. Das hält sich, allein wegen der Jugend und wegen der Gesundheit, die man vorher aufgebaut hat. Und irgendwann merkte ich einfach, dass ich träge wurde und nicht mehr die körperliche Leistungskraft hatte. Auch merkte ich das im Hosenbund.
Andreas Butz: Diese Erkenntnis kam bereits während der Studienzeit?
Tom Buhrow: Ja, das war während der Studienzeit, als ich dachte: »Du musst was tun. Du lässt so langsam nach.« Ein Freund und Studienkollege trainierte jeden Tag Karate und machte jeden Tag mit Waldlaufen sein Aufwärmtraining. Ich dachte »Mensch, das ist zwar stinke langweilig, aber da hab ich jemand, der das jeden Tag macht. Ich brauche mich nicht extra zu verabreden, sondern mache spontan mit, wenn ich Lust habe.« Das war am Anfang so etwa zweimal in der Woche. Wenn jedoch schlechtes Wetter war und wenn ich nicht gut drauf war habe ich es gelassen.
Andreas Butz: Es ging Ihnen nur um das Aufwärmprogramm oder auch um das Karatetraining?
Tom Buhrow: Nein, das Karatetraining habe ich nicht mitgemacht. Für ihn war Laufen das Aufwärmprogramm, für mich das eigentliche Training. Nach zwei oder drei Monaten begann ich festzustellen, dass mir etwas fehlte, wenn ich mal eine Woche nicht gelaufen bin. Und ich habe gemerkt, dass ich keinen Laufpartner mehr brauchte um mich zu überwinden. Laufen wurde zu einer Gewohnheit. Ich habe das Langlaufen zwar immer noch nicht geliebt, aber mein Körper mochte es jetzt. Ich liebte die frische Luft, ich liebte es draußen sein, aber nicht unbedingt das Laufen an sich. Allmählich habe ich es langsam gesteigert und versucht drei- bis viermal die Woche zu laufen.

Eine gute halbe Stunde jeweils. Das war zu dieser Zeit mein Pensum und das hab ich lange beibehalten. Das Laufen wurde immer wichtiger, ich habe es nicht mehr als »Zeitfraß« gesehen, sondern als mentalen Ausgleich. Dann kam meine Familiengründung und Karriere dazu und wir sind ins Ausland gegangen. Und welchen Sport kann man machen, ohne Mitgliedschaft in einem Verein, ohne teure Ausrüstung zu kaufen und ohne der Familie viel Zeit wegzunehmen? Das ist Laufen. Sie brauchen eigentlich nur ein paar Schuhe. In Amerika später habe ich mit einem »Jogging Stroller« meine erste Tochter als Säugling zum Laufen mitgenommen. Dann hatte meine Frau mal Ruhe und beschwert e sich nicht, wenn ich joggen ging. Und später, als die Zweite kam, hab ich ein Doppel-Stroller gekauft und bin mit beiden raus. So hatte ich das Gefühl, dass ich damit auch meiner Frau etwas Gutes tue. Das war eine schöne Synthese. Trotzdem habe ich im Laufe der Zeit etwas zugenommen und mein Kampfgewicht verloren. Dennoch bin ich überzeugt, dass ich mich körperlich wesentlich besser gehalten habe, als wenn ich nicht gelaufen wäre. Gar keine Frage!
Andreas Butz: Nur physisch besser oder auch psychisch?
Tom Buhrow: Ein wichtiger Punkt. Neben der körperlichen Fitness war Laufen stets auch ein mentaler Ausgleich. Ich habe gemerkt, dass mir Laufen auch in Krisensituationen half, in persönlichen Krisen, vor denen sicher kein Mensch gefeit ist. Laufen wirkt auch vorbeugend. Das ist ein Aspekt, der wirklich nicht zu unterschätzen ist. Laufen als Prophylaxe für alle möglichen Bereiche, körperlich, aber auch mental. Man hat ein besseres Selbstbild, ein besseres Selbstwertgefühl. Ich habe das Laufen auch gezielt genutzt, wenn ich meinem Leben eine neue Richtung geben wollte. Und wenn ich mal Sorgen hatte und nachts nicht schlafen konnte, ich schlafe üblicherweise sehr gut, dann bin ich auch nachts gejoggt. »Bevor du jetzt eine Flasche Wein aufmachst, geh joggen!« Und so bin ich - zu meiner Kölner Zeit - um zwei Uhr nachts am Rhein entlang gelaufen und konnte danach einschlafen. Ja, auch mental ist das Laufen ein Begleiter für mich.
Andreas Butz: Und wann kam das Interesse am Marathonlaufen?
Tom Buhrow: Das kam erst später. Zunächst habe ich noch das Mountainbike ausprobiert und auch mal ein paar Stunden Golf genommen. Das kostet in Amerika ja fast nichts, man braucht sich noch nicht mal eine Ausrüstung zu kaufen. Aber es waren alles Sachen, für die ich keine Zeit hatte oder für die ich mir keine Zeit nehmen wollte, weil die Kinder noch klein waren und ich der Familie keine Zeit stehlen wollte. Aber das Laufen war halt noch keine große Liebe und eigentlich zu langweilig, für jemanden, der sich wie ich gerne mal austobt.
Andreas Butz: Laufen - eine reine Vernunftgeschichte also?
Tom Buhrow: Genau. Bis Anfang 30 war 1 Stunde 20 Minuten das längste was ich je gelaufen bin. Das war bei einem Waldlauf in Köln. Ich weiß es noch genau. Wie man fünf oder sechs Stunden für einen Marathon durchhalten kann, das konnte mir nicht vorstellen. Doch dann kam 1998 Joschka Fischer als designierter Außenminister zum Antrittsbesuch nach Washington und ich war als Korrespondent in der Stadt. Es war seine fitteste Zeit, er lief bei jeder Gelegenheit seine Runden, das wusste jeder. Ich wollte ein Interview verabreden und lungerte um halb sechs morgens in Laufschuhen in seiner Hotellobby rum. Irgendwann kam er und ich lief mit ihm durchs Regierungsviertel. Dabei redeten wir nicht über Politik, sondern übers Joggen. Ich gestand ihm, dass mir ein Marathon unerreichbar vorkam und fragte, wie man das nur schaffen könne. Fischer nur supercool: »Sie haben zu viel Gewicht«. Ich fand mich eigentlich schlank und fühlte mich völlig falsch eingeschätzt. Damals wusste ich es noch nicht, aber in diesem Moment begann alles. Mein Gefühl war: »Dir werde ich’s zeigen!« Es war noch nicht das klare Vorhaben, einen Marathon zu laufen. Aber es war ein Grundgefühl da. Heute weiß ich, was das war und was mich antreibt: Trotz. Ich brauche das Gefühl unterschätzt zu werden. Dann mobilisiere ich erst Spitzenleistungen. Zwei Jahre später war ich Korrespondent in Paris – da hatte ich das Projekt Marathon schon auf der Platte. Das gute Leben in Paris, jeden Tag ein Weinchen, jeden Tag gutes Essen, lange Mittagspausen, also das typische Klischee, traf hier voll zu. Ich joggte zwar, nahm aber trotzdem zu und dann habe ich gedacht: »Jetzt komm, jetzt steigerst du deine Kalorienverbrennung und machst einen Marathon.« Ich habe mir ein Buch gekauft und dann hab ich nochmal den Trotz aktiviert. Ich brauchte jemand, der es mir nicht zutraute. Ich erzählte auf einer Drehreise dem Kameramann von meinem Vorhaben. Er sagte: »Sei mir nicht böse, Tom. Aber Du packst das nicht, Du bist dazu viel zu chaotisch.« Danke! Das war genau, was ich gebraucht hatte. Am nächsten Tag machte ich meinen ersten Trainingslauf. Der war knapp anderthalb Stunden lang und zum ersten Mal hatte ich am Ende das Gefühl, ich hätte noch viel länger laufen können.
Andreas Butz: Hab ich das richtig verstanden? Sie sind Marathonläufer aus Trotz?
Tom Buhrow: Ja, absolut. Und ich habe von dieser Trotzhaltung sehr profitiert. Noch wertvoller als der körperliche Nutzen des Laufens ist die Selbsterkenntnis. So wie Michelangelo den David schon im Marmorblock gesehen hat und nur den überflüssigen Marmor abschlagen musste um David hervorzubringen, so bringt bei mir das Laufen meine Charaktereigenschaften hervor. Eine davon ist Trotz. Ich brauche Gegenwind und Zweifel an mir, dass die Leute mich unterschätzen. Ich provoziere das geradezu unterschätzt zu werden. In dem Moment, als der Kollege das sagte, da hatte ich einen Trainingsplan längst gemacht, da wusste ich: »Danke, du Idiot, Danke alle ihr Idioten, ihr haltet mich nicht auf«. Und von da an habe ich ganz stur mein Programm durchgezogen. Der trotzige Entschluss steigerte sich zu einem Gefühl der Unbezwingbarkeit. Wenn ich es morgens schaffte, trotz Dunkelheit, trotz Stress mit der Frau, weil der Wecker so früh klingelte, trotzdem diesen Schweinehund zu überwinden und schließlich draußen vor der Haustüre stand und langsam lostrabte, dann dachte ich mir: »Wer im Leben, wer auf Gottes schöner Erde, will mich aufhalten. Egal was ich mir vornehme«. Die Hauptgeschichte bei meinem ersten Marathontraining war, dass ich merkte, wie sich meine charakterlichen Eigenschaften entwickelten.
Andreas Butz: Welche persönliche Eigenschaft haben Sie am deutlichsten neu entdeckt?
Tom Buhrow: Das war der Biss den ich entwickeln konnte. Ich wusste, dass der Marathon eigentlich nur der Abschluss für diese Erfahrung sein würde. Er war gar nicht mehr so wichtig. Die Trainingsläufe waren irre, weil ich dabei diesen Biss entwickelte. Ich wusste genau: Baustein auf Baustein auf Baustein auf Baustein, so baue ich mir jetzt meine Form auf. Und das gab mir ein Selbstbewusstsein, ich dachte: »Schritt für Schritt kannst du alles erreichen was du willst, wenn du dir einen Plan machst und dir dein Ziel aufschreibst«. Ich hab genau nach Plan trainiert und alles aufgeschrieben: Ich werde zu dem Termin beim Marathon starten und diesen auch zu Ende laufen, also »finishen« wie man unter Läufern sagt. Ich spürte: »Meine Güte, was du dir vornimmst kannst du schaffen, wenn du das wirklich willst. Wenn du dir was vornimmst von dem du nur glaubst, dass du es willst, wirst du es nicht schaffen. Aber was du wirklich willst, wirst du schaffen. Da werden dich Tod und Teufel nicht aufhalten«. Und das war eine unglaubliche Erfahrung, schon in der Trainingsphase. Man redet immer vom Rausch während des Marathonlaufs. Ich finde viel wichtiger diesen Rausch des Selbstwertgefühls. Wenn man merkt wie viel Biss man hat, wie viel man erreichen kann, wenn man Schritt für Schritt das durchzieht, was man sich vorgenommen hat. Das finde ich viel berauschender als alles was sich beim Marathon abspielt. Ich bekam ein ganz starkes Selbstwertgefühl. Der Marathon ist nur die Sahne oben drauf.
Andreas Butz: Wann spüren Sie dieses neue Selbstwertgefühl?
Tom Buhrow: Wenn ich beruflich mal Konflikte hatte oder mal eine Frustration erlebte, wenn ich dachte, dass ich nicht genug anerkannt würde, dann dachte ich mir: »Okay, das hält mich jetzt mal kurz auf. Aber sicher nicht langfristig. Ihr habt ja keine Ahnung. Ihr habt ja keinen Schimmer, was an Biss und Durchhaltevermögen in mir ist.« Das war extrem und wunderbar. Bei der Arbeit vermischte sich manchmal das Körperliche mit dem Mentalen. Ich erinnere mich, als ich mal nach einem langen Lauf tagsüber im Schneideraum in Paris saß und die Cutterin mich fragte: »Und wie geht es dir?« Da hab ich geantwortet: »Mir geht es so gut, ihr müsst mich bald von der Decke kratzen.« Ich sagte ihr: »Du, normalerweise ist es ja so, dass Gesundheit nur die Abwesenheit von Krankheit ist: Gut heißt dann, ich hab keine Beschwerden. Aber mir geht es aktiv gut. Ich spüre, jetzt während ich neben dir sitze, dass es mir gut geht, dass ich nicht nur gesund bin. Ich bin übergesund, ich bin supergesund.« Es war wunderbar, es war herrlich.

Man muss natürlich auch diszipliniert sein. Gerade in Paris. Alle zwei Tage bin ich gejoggt. Dann habe ich versucht am Abend vorher gar keinen Wein zu trinken. Und es war häufig so, dass ich an den Trainingstagen selber keine Lust hatte Wein zu trinken. Am nächsten Tag hätte man dann Lust. Aber am nächsten Morgen wartet schon wieder ein Trainingslauf. Und dann habe ich mir gut überlegt, wenn ich um fünf Uhr morgens aufstehe will, können schon zwei Gläser Wein alles ruinieren. Der ganze Lebenswandel wurde etwas disziplinierter. Ich kann nicht sagen, dass ich das zu meinem Lebensinhalt machen möchte. Ich möchte auch gerne weiter genießen und mich auch mal gehen lassen. Aber es war und ist, wenn man es macht, eine unglaubliche Erfahrung. Ich hab das alles sehr, sehr bewusst genossen.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang auch noch an eine besondere Herausforderung. Als die Concord seinerzeit abstürzte, das ist bei uns im Fernsehjournalismus so, dann wird komplett durchgearbeitet. Auf einmal arbeiten sie, mit nur ganz wenig Schlaf zwischendurch, fast 48 Stunden durch. Und da erinnere ich mich noch, ich hatte gerade einen langen Lauf hinter mir als das passierte, dass ich wusste, als diese ganze Belastung losging, dass ich dies sehr gut verkrafte würde. Und so war es.
Andreas Butz: Und wie haben Sie Ihre Marathonläufe erlebt?
Tom Buhrow: Mein erster Marathon in Köln, das muss ich wirklich sagen, der war eine Tortur. Ich hab nichts riskieren wollen, bin in meinem Trainingstempo gelaufen und nicht schneller. Ich hatte zwischendurch zwar Spaß. Wenn die Kölner zur Karnevalsmusik schunkelten, dann bin ich auch mal stehen geblieben, habe auch mal kurz mitgeschunkelt. Am Ende aber war ich sehr erschöpft. Mein Knie tat so weh, dass ich nicht mehr auftreten konnte. Es war furchtbar, ich konnte kaum noch auftreten. Ich habe mich aber durchgeschleppt. Eine Kollegin, die mich auf der letzten Meile gesehen hat, hat später gesagt, sie hätten mich fast rausgeholt, weil ich da gar nicht mehr richtig beisammen war. Ich konnte mich auch später nicht mehr erinnern, sie gesehen zu haben. Wahrscheinlich waren es irgendwelche Endorphine, die den Schmerz betäubten oder halbwegs unter Kontrolle hielten. Es tat unglaublich weh, aber ich wollte unbedingt ins Ziel laufen. Das ich das geschafft habe hat mir dann eine unglaubliche Power gegeben. Das war für mich der Hauptbenefit meines ersten Marathonlaufs.
Andreas Butz: Und nach dem Motto »Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt« kamen dann die Pläne für Ihre weiteren Marathonläufe?
Tom Buhrow: Ja. Als ich mich auf den letzten fünf, sechs Kilometer durch Köln quälte wusste ich: »Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder du schaffst es heute. Oder, wenn du es nicht schaffst, weil der Schmerz so stark wird, dass du aufhören musst, dann wirst du auf jeden Fall nochmal einen Marathon laufen. Wenn du es jedoch sofort schaffst, gibt es auch zwei Möglichkeiten. Entweder du sagst: »einmal und nie wieder«, oder du läufst weitere Marathons. Und wenn du weitere Marathons läufst, dann musst du dir jetzt schon überlegen, wo du aufhörst.« Einen pro Jahr? Dann hab ich mir gesagt: »Okay, dann läufst du mal in allen Städten oder Regionen wo du mal gelebt oder gearbeitet hast.« Und so kam es. Köln war meine Heimat, also das Rheinland, in Paris wohnte ich zu der Zeit. Der Köln-Marathon war im Herbst, der in Paris folgte im April. Ich habe einfach im Winter weiter trainiert und bin dann im April in Paris gelaufen. Der war gigantisch, der war super, das war mein schönster bisher, einfach weil ich so gut drauf war. Ein Kanadier sagte mir noch morgens früh, als ich durch eine berufliche Krise etwas niedergeschlagen war und zweifelte, ob ich das schaffe: »Ah, I don't care. Let the others race. I just wanna have fun.« Dann dachte ich: »Ja genau. I wanna have fun. Ist mir egal, was um mich herum alles passiert. Ich lauf jetzt dieses Ding.« Und so kam es. In Paris war es so, dass mich am Anfang alle überholten. Ich dache nur »Du ziehst das Ding jetzt durch, egal was dir sonst an Sorgen gerade durch den Kopf geht. Lauf langsam und komm an«. Dann bin ich unterwegs wenn Bands spielten stehen geblieben, habe getanzt, bin weitergelaufen. »I just wanna have fun« war mein Motto des Marathons. Und auf der zweiten Hälfte merkte ich auf einmal, dass sich alles umgekehrt hatte: Jetzt überholte ich nur noch. Nicht schnell, sondern ganz langsam und wie ein Uhrwerk. Das hat mich natürlich extrem motiviert.
Andreas Butz: So was dopt...
Tom Buhrow: Ja, ich bin dann unter 4:30 Stunden gelaufen. Und es war ein riesen Spaß, mit großer Unterstützung durch meine Familie. Einfach alle hatten Spaß an diesem Tag. Es war eine rundum tolle Sache. Später bin ich noch in Washington gelaufen, hier war ich Studioleiter und in Chicago, weil ich in Wisconsin mal gelebt habe. Und als ich dann nach Hamburg versetzt wurde fehlte mir eigentlich nur noch Hamburg. Den Marathon bin ich 2008 gelaufen. Weitere sind nicht geplant.
Andreas Butz: Okay. Und jetzt hoffen andere Marathon-Veranstalter, dass Sie irgendwann mal in ihre Stadt ziehen?
Tom Buhrow: Ja, das müssen die hoffen. Aber im Augenblick steht mir nicht der Sinn danach. Ich würde es nicht ausschließen, dass ich mein Vorhaben ändere und sogar, falls ich künftig nicht mehr umziehe, irgendwann nochmals Marathon laufe. Aber dann wohl hier in Hamburg, der Marathon hier ist ja wirklich wunderschön.
Andreas Butz: Brauchen Sie den Marathon heute nicht mehr als Antrieb am Laufen zu bleiben?
Tom Buhrow: Ich laufe inzwischen seit über 30 Jahren und Laufen ist längst ein Teil meines Lebens geworden. Das lasse ich jetzt nicht mehr sein. Ich weiß, dass mir das gesundheitlich und auch beruflich gut tut. Erst kürzlich sagte mir bei einem Klassentreffen ein Kumpel, dass er bei einer Neueinstellung, wenn er zwei gleich gute Bewerber hat, von denen einer läuft und der andere nicht, dass er dann aus charakterlichen Gründen eher den Läufer nimmt. Marathonlaufen macht einen nicht zu einem besseren Menschen. Aber man erfährt durch das Training einiges über sich und es gibt einem großes Selbstbewusstsein.
Andreas Butz: Vielen Dank für das Interview!
Mai, 2012