Norbert König

Schwitzen für Erfolg – Interview mit Norbert König

Norbert König

Moderator und Interviewer

Ich habe viele nette Ecken der Welt kennengelernt, weil ich mein Laufzeug dabei hatte.

Als Sportinteressierter kennt man Moderator und Interviewer Norbert König (Jahrgang 1958) vor allem von der ZDF-Sportreportage und von zahlreichen Außenübertragungen großer Sportevents.

Doch dass der beliebte Journalist auch sturmerprobter Marathonläufer ist, von einer Kamerafrau Disziplin lernte und nach schweißtreibendem Tischtennistraining Weizen mit Alkohol bevorzugt, das wussten bisher nur die wenigsten. Gut, dass Andreas Butz ihn über seine Sportleidenschaften befragt hat.

 

Andreas Butz: Ich kenne dich seit vielen Jahren als Moderator der Sportreportage und als Interviewer bei großen Sportevents. Ich weiß aber nichts über deine sportliche Heimat.
Norbert König: Es gab ja mal das Trio mit Rudi Cerne und Kristin Otto. Da konnte ich immer sagen, die Sportreportage wird moderiert von einem Vize-Europameister im Eiskunstlauf, von einer mehrmaligen Olympiasiegerin im Schwimmen und vom Dritten der Kreismeisterschaften im Tischtennis-Schülerdoppel. Ich musste mich dann irgendwann korrigieren, denn ich habe eine alte Urkunde wiedergefunden: Ich bin tatsächlich im Einzel sogar mal Zweiter geworden.
Andreas Butz: Vizekreismeister, mein Kompliment.
Das erklärt schon einiges. Nein, ich habe früher auf unterem Niveau Fußball gespielt, Bezirksklasse oder Bezirksliga. Und Tischtennis für den Hausgebrauch. Jetzt spiele ich immer noch Tischtennis in der D-Klasse, das ist die Zweite von unten. Ich bin also ambitionierter Hobbysportler.
Andreas Butz: Du hast aber Sport studiert?
Nur Nebenfach. Um den Karriereabriss kurz zu machen: Ich habe mich immer für Sport interessiert, hatte vom Allgemeinwissen her eine sehr gute Basis, habe neben Fußball und Tischtennis auch ein bisschen geturnt, beziehungsweise Leichtathletik gemacht und mich dann entschlossen, etwas im Sportjournalismus zu machen. Als Jugendlicher habe ich schon mal probeweise Fußballspiele zu Hause kommentiert. Dass es dann tatsächlich so kam, ja, das war eine Mischung aus Zufall und Wollen. In Berlin habe ich Publizistik im Hauptfach studiert und Sport war eines der beiden Nebenfächer.
Andreas Butz: Was war deine Initialzündung, die Laufschuhe anzuziehen und Marathonläufer zu werden?
Ich bin mit einer Freundin aus Berlin nach Rheinhessen gekommen und die Beziehung hatte sich relativ schnell zerschlagen. Um mich in Rheinhessen zu orientieren, ein neuer Job, ein völlig neues Umfeld, und auch um mal den Kopf durchzublasen, kam ich auf die Idee, mal so ein bisschen rumzuhoppeln. Am Rhein ist ja viel Flachland und man muss dort nicht die Berge hochjagen. Anfangs hatte ich nur ein paar olle Schuhe, mehr Turnschuhe als Laufschuhe.
Andreas Butz: Es galt, die nach dem Beziehungsende freigeworden Zeit zu füllen und sich auf die neue Situation einzustellen?
Ich wollte ein bisschen den Kopf freikriegen. Ich hatte damals noch keinen Verein, Laufen bot sich da an und ich habe schnell gemerkt, das mit der frischen Luft morgens, das tut auch ganz gut. Aber der Schritt, länger zu laufen kam eigentlich durch einen Zufall. Bei der Leichtathletik WM 1999 in Sevilla war eine Kamerafrau, die jeden Tag gelaufen ist, immer eine Stunde.

Als ich das mitbekommen habe, habe ich mich angeschlossen, bin mit meinen wirklich ollen, klapprigen Galoschen mitgelaufen. Sie war sehr, sehr diszipliniert und sagte: Früh um acht stehst du da und dann laufen wir los. Als wir nach 50 Minuten wieder ans Hotel kamen, ich war völlig fertig mit der Welt, sagte sie, nein, nein, noch mal zehn Minuten. Das war natürlich hart, sozusagen von Null auf eine Stunde. Ging aber.

Am nächsten morgen um 8.01 Uhr war sie nicht da. Ich fragte, bist du gar nicht gelaufen? Doch, sagte sie, ich war um acht unten, du warst nicht da. Also bin ich weg. Da hat sie mir gleich auch mal Disziplin beigebracht.

Das waren die ersten Male, wir sind dann noch zwei, drei Mal auf der gesperrten Marathonstrecke von Sevilla gelaufen. Zwei Jahre hat es gedauert, dann haben wir uns bei der WM in Edmonton 2001 wieder getroffen, auch hier war sie Kamerafrau. Sie ist immer noch regelmäßig gelaufen, das hat mir imponiert. Es ist gut jemanden zu haben, der einen motiviert und ein bisschen in den Hintern tritt. Bei dieser WM sind wir mehr gelaufen.
Andreas Butz: Vom Gelegenheits- zum Marathonläufer ist es aber noch ein weiter Weg!
Die Geschichte Richtung Marathon war mehr Zufall. Im Herbst auf Mallorca bin ich mit Urlaubsbekannten rumgejoggt und habe ihnen von einem FAZ-Artikel über den Helgoland-Marathon erzählt. „Wie ein Hundertmeterlauf auf dem Bierdeckel“ glaube ich, war die Überschrift. Da hat mein Bekannter gesagt, du spinnst ja wohl, ich sage, doch, den gibt es, da könnten wir doch mal laufen. Das war im Herbsturlaub 2001. Dann haben wir uns gegenseitig zugesagt, wir treffen uns im Mai auf Helgoland wieder und laufen dort den Marathon. Da musste ich dann natürlich auch Mann sein und zu meinem Wort stehen.
Andreas Butz: Das heißt, du hattest nur ein halbes Jahr Zeit für deine erste Marathonvorbereitung?
Ja klar, dann habe ich mir zwei, drei Bücher geholt und habe gemerkt, auf wie viel Kilometer man dann schon mal kommen müsste und dass grob gesagt zehn Wochen vernünftiges Training das Minimum ist, um den Marathon ohne große Ambitionen durchzustehen. Und dann habe ich über den Winter trainiert und bin immer auch auf Dienstreisen gelaufen, auch bei -15 Grad irgendwo in Finnland. Ich habe so viele nette Ecken kennengelernt auf der Welt, weil ich immer mein Laufzeug dabei hatte.
Andreas Butz: Dein erster Marathon war keiner dieser typischen Marathonläufe, mit denen man üblicherweise anfängt, vor der Haustüre oder bei den großen Events in Berlin oder Hamburg.
Ja. Na ja, ich komme aus Cuxhaven, war hin und wieder mal auf Helgoland, fand die Idee witzig, weil ich die Insel mag. Morgens mit dem Schiff hinzufahren, das ist eine sogenannte Butterfahrt, man kann da ja immer noch zollfrei einkaufen. Wir haben früher als Schüler ein paar Mal eine Klassenfahrt nach Helgoland gemacht. Da spielen Heimatgefühle schon eine ganz große Rolle. Wobei, ein Halbmarathon hätte mir natürlich gereicht, aber den gibt es da nicht. Also alles oder nichts. Das war sicherlich eine Schnapsidee, aber das zieht man dann halt durch. Und damit habe ich auch kein Problem, so etwas dann durchzuziehen.

Für den ersten Marathon war es aber sehr heftig. 8 Grad, Starkwind und auf den ersten beiden von vier Runden nur Regen. Dann noch diese Extremsteigung, du kennst den sogenannten Düsenjäger ja auch. Und die Gefällestrecke ist ja auch heftig, durch den Tunnel wieder runter. Aber ich habe es überstanden und habe hinterher, als ich aus der Badewanne gestiegen bin bzw. steigen wollte, einen Monster-Hexenschuss gekriegt. Denn in meiner Eitelkeit habe ich nach dem Zieleinlauf verschwitzt noch zwei Interviews gegeben, also auch viele Fehler gemacht, die man als vernünftiger Sportler nicht machen würde.
Andreas Butz: Respekt. Der Helgoland-Marathon ist wirklich nicht ohne, gerade die Rampe vom Unterland zum Oberland, der Düsenjäger. Als erfahrener Bergmarathonläufer habe ich die bei meiner Teilnahme auch völlig unterschätzt.
Die ist so steil, da ist es egal, ob du läufst oder gehst, das Tempo ist dasselbe, fast Null.
Andreas Butz: Du hast Wort gehalten, bist in deiner Heimat mit dieser emotionalen Verbundenheit den Marathon bei wirklich schwierigen Bedingungen gelaufen, also eigentlich konntest du jetzt sagen, Haken dran und nie wieder. Warum hast du weitergemacht?
Weil mein Kumpel Jörg meinte, das machen wir doch noch mal. Und ich war natürlich mit meiner ersten Zeit, 4:39 Stunden nicht ganz einverstanden. Da habe mir schon ein bisschen was Besseres ausgemalt. Und wir wollten auch mal bei besserem Wetter laufen.
Andreas Butz: Wie viele Marathons bist du bisher gelaufen?
Drei, in 2002 in Helgoland und Berlin, 2003 erneut Helgoland.
Andreas Butz: Und bist beim Laufen geblieben, auch wenn du heute nicht mehr die Triebfeder hast, einen Marathon zu schaffen?
Ja, ich bin weitergelaufen. Zwischendurch ist es natürlich auch mal über längere Zeit eingeschlafen. Das hatte auch damit zu tun, dass ich krank wurde. Ich habe mal wieder auf den Helgoland-Marathon hintrainiert und dann wohl mit einem leichten Infekt, in einer Phase, in der ich nach einem individuellen Trainingsplan sehr viel trainieren musste, mit einem Berliner Freund, der gerade total im Lauffieber war, zusätzlich eine Stunde ein bisschen gehoppelt.

Und danach bin ich so richtig krank geworden, also ganz heftig, mit einer parainfektiösen Arthritis, mit Monsterschmerzen, von den Zehenspitzen zog das hoch bis über das Knie, dass ich mehr oder weniger schreiend von einer Freundin in die Wochenendklinik gebracht worden bin. Es war ein bisschen rätselhaft, aber ich hatte den Körper einfach überfordert und der war angeknackst, was ich nicht richtig wahrgenommen hatte. Damit war das Projekt dann erledig. Das war dann noch eine ganze Weile erst mal auch so ein kleiner Schock. Da musste ich mich erst mal wieder so ein bisschen berappeln.

Aber inzwischen bin ich wieder ein Läufer auf normalem Maß geworden. Ich liebäugle zwar immer wieder mal mit einem Marathon, aber dazu muss auch das Berufliche passen. Ich habe keine Lust, mir Stress zu machen mit Trainingsplänen. Ich muss einen Mittelweg finden zwischen Trainingsplan und Laufen nach Lust und Laune.
Andreas Butz: Aber du brauchst dieses Ziel auch nicht mehr, um am Laufen zu bleiben?
Nein, aber im Moment ist mein Hauptsport mehr das Tischtennisspielen. Da vergieße ich genauso viel Schweiß, und fühle mich hinterher genauso gut, als wenn ich gelaufen wäre. Also das macht jetzt für mich keinen großen Unterschied. Ich muss nicht unbedingt laufen, mir geht es um den Workout-Effekt.
Andreas Butz: Im Fernsehbetrieb gibt es erstaunlich viele Menschen die Zeit für das Marathontraining finden, Sven Lorig, Peter Klöppel oder auch Tom Buhrow. Und das bei schwierigen Arbeitszeiten. Wie klappt das bei dir?
Meine sind normalerweise regulärer, also normalerweise könnte ich immer morgens laufen. Ich hatte auch überhaupt kein Problem, wenn ich ein Ziel vor Augen habe. Auch wenn ich auf Dienstreise gegangen bin und ich unbedingt noch einen Zweistundenlauf einklinken musste, dann bin ich auch mal früh um 5.30 Uhr gelaufen, auch im Dunkeln. Das ist mir dann eigentlich relativ wurscht. Da bin ich sehr flexibel, aber am schönsten ist es natürlich morgens vorm Frühstück.
Andreas Butz: Und wie läuft dein Tischtennis? Trainierst du nur oder machst du auch Wettkämpfe?
Es geht einfach um den Spaß, es ist kein Tischtennissport, bei dem man einen Trainer hat, sondern man spielt für sich. Und mich motiviert auch ein bisschen, dass mein Sohn regelmäßig geht, weil der super spielt und in unserem Verein die Nummer Eins ist.

Im Gegensatz zum Laufen, gibt es hinterher auch mal einen halben Liter Weißbier mit Alkohol, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Da spielt also die Geselligkeit, trotz Individualsport ist es ja ein Mannschaftssport, eine große Rolle. Beim Laufen ist es ja eher etwas Individuelles. Also mit Laufgruppen bin ich nie unterwegs, höchstens gemeinsam mit Kollegen, da trifft man sich bei Reisen schon mal morgens an der Rezeption.
Andreas Butz: Das Schöne am Tischtennisspielen ist ja auch, dass man an nichts anderes denken kann als an den Sport. Man muss dann mal loslassen. Gelingt dir das beim Laufen auch oder denkst du dann viel über die Arbeit nach?
Nein. Also klar, wenn einen Dinge beschäftigen, kann man die laufend natürlich wunderbar verarbeiten. Man merkt ja auch, wie die Gedanken wegfließen. Irgendwann kommt der Flow, dass man eigentlich von selbst läuft und gar nicht übers Laufen nachdenkt und plötzlich merkt, Upps, da waren schon wieder drei Kilometerangaben am Rhein. Ich bin nicht unbedingt der Grüblertyp. Es ist mehr so, dass ich die Gedanken nach hier und nach da und nach dort schweifen lassen kann oder auch mal an gar nichts denke. Das ist ja sehr angenehm beim Laufen, das entspannt mich dann auch.
Andreas Butz: Profitierst du beim Tischtennis vom Lauftraining?
Ja, wenn der Körper so richtig fit ist und man ausgeglichen ist, das bedingt ja auch oft einander, das wirkt sich beim Tischtennis total aus. Auch weil das Mentale eine große Rolle spielt. Klar muss man Kondition haben, wenn es einmal über fünf Sätze geht und man mehrere Spiele an dem Abend hat. Aber wenn man sich wohlfühlt, körperlich wie auch geistig, das hilft, weil man viel fokussierter und klarer ist, sich nicht so leicht ablenken lässt, sich auch nicht so schnell aufregt, wenn man einen Fehler macht und man genau weiß, auch wenn ich mich nach einem Fehler gerade innerlich totärgere, ich zeige das dem Gegner nicht, weil das baut den nur auf und mich ab. Also, ein guter Allgemeinzustand durch das regelmäßige Lauftraining ist absolut positiv.
Andreas Butz: Okay. Zum Abschluss noch eine Frage, was muss geschehen, dass du noch mal Marathon läufst? Gar nicht so viel glaube ich, oder?
Nein, da muss gar nicht so viel passieren. Also der Impetus in mir selbst ist schon noch drin, ich darf es vielleicht meiner Frau nicht rechtzeitig verraten, die findet diese 42 Kilometer total blödsinnig. Ich stimme ihr auch grundsätzlich zu, aber ich liebäugle schon damit, dann vielleicht auch nochmal auf Helgoland zu laufen, weil ich es einfach witzig finde, wenn man nicht so in der Masse untergeht, da kann man natürlich viel mehr aufsteigen.
Andreas Butz: Vielen Dank für das Gespräch, lieber Norbert und vielleicht bis bald mal bei einem gemeinsamen Lauf den Düsenjäger rauf auf Helgoland.
Ja, sehr gerne!
August 2016