Karl-Erivan Haub

Interview mit Karl-Erivan Haub, Tengelmann

Fotos: Norbert Wilhelmi
Karl-Erivan Haub

Tengelmann

Karl-Erivan Haub, 1960 in Tacoma, Washington geboren, ist Unternehmer. Als geschäftsführender persönlich haftender Gesellschafter leitet er die Tengelmann Warenhandelsgesellschaft KG, eine Gruppe mit Beteiligungen an bekannten Handelsunternehmen wie Kaiser’s Tengelmann, OBI, KiK oder auch Zalando.

Seit 1995 ist der Familienunternehmer aber auch Laufveranstalter. Der Tengelmann-Lauf ist ein Sport- und Familienfest, das inzwischen jährlich rund 2.300 Läufer und 10.000 Besucher nach Mülheim an der Ruhr zieht. Die ursprüngliche Intention für diese Laufveranstaltung mit Schülerläufen, 5- und 10-Kilometer-Wettbewerben war, den eigenen Mitarbeitern einen motivierenden Anlass zu geben, selbst zu trainieren. Ein motivierendes Ziel, das sie zum Laufen bringt und damit zu mehr Gesundheit und Lebensfreude führt. Denn dieses Motiv hält den Familienunternehmer und Marathonläufer Haub schon seit Kindesbeinen am Laufen. Seit ihm, dem damals 12-jährigen, der damalige Pepsi-Cola-Chef den Lebensrat gab, etwas für sich zu tun. Noch heute ist der 91-jährige Donald Kendall für den Tengelmann-Chef ein Vorbild an Vitalität.

Doch nur der Gesundheit wegen zu laufen, das ist dem Tengelmann-Chef zu wenig. Im Jahr 2000 lief er seinen ersten Marathon und auch für dieses Jahr ist ein weiterer geplant, wie er Andreas Butz bei einem gemeinsamen Lauf verriet.

 

Andreas Butz: Herr Haub, wie entstand bei Ihnen die Leidenschaft fürs Laufen?
Karl-Erivan Haub: Ich bin schon mein ganzes Leben lang gelaufen. Schon in der Schulzeit. Am Schluss war ich Schulmeister über 1000 Meter. Bis mir ein Arzt das Laufen mit 15, 16 Jahren verboten hatte. Ich bekam immer dicke Knie und mein Arzt meinte, Laufen würde die Patella-Sehne reizen. Ich hatte in der Folge zwar einige Stunden mehr Freizeit, was junge Menschen an sich ja freut, aber das Laufen hat mir gefehlt. Erst während des Studiums, motiviert durch einen Studienfreund, mit dem ich heute noch verbunden bin, habe ich das lockere Laufen wieder aufgenommen und hatte seither auch keine Probleme mehr. Seit dem laufe ich bis zum heutigen Tag, mal mehr und mal weniger. Durch das Marathonlaufen ist es dann wieder ernster geworden.
Andreas Butz: Woher kommt Ihre Lust an der Bewegung?
Karl-Erivan Haub: Ich hatte ein großes Vorbild, der legendäre Pepsi-Cola-Chef, Donald Kendall, er ist heute 91 Jahre alt, ihn habe ich mit elf, zwölf Jahren kennen gelernt. Der erzählte mir damals schon strahlend, dass man etwas für sich tun müsse. Das war noch zu Beginn der Bewegung in den USA, als alle anfingen Health and Fitness zu entdecken. Kendell war damals genau so alt wie ich es heute bin. Und er hat mir schon seinerzeit geraten, man müsse eigentlich jeden Tag etwas für sich tun, Laufen oder Radfahren zum Beispiel.
Andreas Butz: Mit zwölf waren Sie bereit für solch einen Tipp?
Karl-Erivan Haub: Ich erinnere mich daran immer wieder, wenn ich den Mann heute 91-jährig sehe, der ist immer noch ein quick lebendiger Mann. Dann wird mir immer wieder bewusst, dass wenn man etwas für sich tut, dann ist das nicht nur für den Körper gut, sondern auch für den Geist. Mens sana in corpore sano, das wissen viele, man muss es nur tun. Kendall ist für mich der lebende Beweis, ein Rollenvorbild.
Andreas Butz: Und wie haben Sie den Rat umgesetzt?
Karl-Erivan Haub: Ich bin dann in die Schule gelaufen, nicht mit dem Bus gefahren, das waren 35 bis 40 Minuten pro Strecke, zweimal am Tag über einen ordentlichen Hügel, erst hoch, dann wieder runter. Und deshalb war ich bei den späteren Schulwettkämpfen ohne zusätzliches Training immer weit vorne, bis mich die Knieprobleme durch das permanente 400-Meter-Bahnlaufen beim Schulsport zurückgeworfen haben. Erst später habe ich dann erkannt, dass man auch einfach nur locker durch die Gegend laufen kann.
Andreas Butz: Wann kam bei Ihnen der Impuls auch mal Marathon zu laufen?
Karl-Erivan Haub: Ich habe mit 30 Jahren das Matterhorn bestiegen. Das ist meine andere große Leidenschaft. Und auf dem Weg nach unten habe ich mich gefragt: Was machst du eigentlich mit 40? Du musst dir mit 40 wieder etwas Besonderes, etwas Großartiges vornehmen. Da habe ich mir vorgenommen, mit 40 Jahren in New York meinen ersten Marathon zu laufen. Das habe ich dann auch gemacht. Im März 2000 bin ich 40 geworden und im November den Marathon gelaufen.

Später bin ich noch in Hamburg, Köln und London gelaufen, das ist inzwischen sieben Jahre her. In London habe ich overpaced, bin gegen eine Wand gelaufen und gedacht, das war es dann. Irrsinniger Weise habe ich mich nun mit meinem Bergfreund für den Midnight Sun Marathon in Tromsø Ende Juni verabredet. Start ist um 20:30 Uhr, nördlich des Polarkreises. Wenn, dann machen wir etwas Verrücktes, haben wir uns gesagt. Wichtig ist, dass man so etwas nicht alleine macht, sondern mit Freunden. Keinen meiner Läufe habe ich alleine gemacht. Und auch jetzt hat sich wieder eine kleine Truppe gefunden. Es ist schöner, wenn man nach dem Erlebnis mit Freunden darüber reden kann.

Und zu Tromsø erneut, alles was extrem ist, bleibt uns in Erinnerung. Da wir ja auch viele extrem negative Dinge im Leben kennen, die in uns haften bleiben, sei es Tod, Krankheit oder was auch immer, bin ich der Meinung, dass man sich auch ein paar extreme positive Erinnerungen schaffen sollte. Ich meine positive extreme Erinnerungen, die man sich selbst schaffen kann, wo man nicht allein aufs Glück vertrauen muss. Hier muss man sich drum bemühen, aber diese Erlebnisse brennen sich dann ganz tief ins Gedächtnis ein.

Wieder mal unter 4 Stunden laufen zu können, das wäre übrigens schön. Meine Bestzeit bin ich mit 3:52 Stunden in Hamburg gelaufen, da hat alles gepasst.
Andreas Butz: Wie motivieren Sie sich immer wieder sich die Zeit fürs Training zu nehmen?
Karl-Erivan Haub: Ich funktioniere als Mensch, sowohl privat als auch geschäftlich, indem ich mir Ziele setze. Damit diese motivierend sind, müssen diese Ziele auch etwas anspruchsvoll sein. Das ist auch der Grund, warum ich den Tengelmann-Lauf geschaffen habe. Um meinen Mitarbeitern hier in der Zentrale einen Anlass zu bieten selbst auch zu trainieren. Beim 1. Lauf war es noch etwas frustrierend für mich, da waren nur fünf Mitarbeiter dabei. Heute sind es deutlich über 100. Die nehmen das auch tatsächlich zum Anlass in Gruppen zu trainieren. Später habe ich die Teamläufe geschaffen und tatsächlich, die motivieren die Menschen darauf hin zu trainieren.

Mich motivieren Ziele, entweder Bergziele, Marathonziele oder innerhalb kürzerer Läufe bestimmte Zeitziele zu erreichen. Wenn man sich selber solche Ziele gibt oder von anderen animiert wird, dann fällt das Training leichter.

Der zweite Weg mich zu motivieren, das ist mein genereller Tipp überhaupt, ist Buch zu führen. Seit ich mit dem Marathontraining angefangen habe, wird jedes Training dokumentiert. Am Ende eines Monats oder Jahres wird addiert und verglichen, ob es mehr oder weniger geworden ist, und diese Zahlen halten mich in der Disziplin. Ich erstelle dann auch eine Kurve, mache meinen eigenen Review, und das hält mich motiviert. Ein Trainingstagebuch kann vielen helfen. Einen Start bekommen viele hin, dann aber dabei zu bleiben, das ist viel schwieriger. Heute ist Laufen für mich auch die Voraussetzung meine anderen sportlichen Leidenschaften ausleben zu können, das Skifahren und das Bergsteigen. Es ist quasi die Basis für alle anderen sportlichen Aktivitäten.
Andreas Butz: Wann finden Sie die Zeit für Ihr Training?
Karl-Erivan Haub: Sonntags mache ich immer den langen Lauf. Das ist bei mir eingebrannt, fast schon ein Ritual. Noch ohne zu essen gehe ich nach dem Laufen zur Messe, sitze da, fühle mich irgendwie gereinigt, und dann geht es zu einem guten Frühstück. Ansonsten trainiere ich dann, wenn es rein passt. Das kann morgens sein oder auch abends. Und wenn's nicht anders geht, dann auch mal auf dem Laufband. Zwei bis drei Einheiten pro Woche sind mein Ziel, da versuche ich auf 20-30 Kilometer zu kommen. In der Marathonvorbereitung mache ich natürlich mehr.
Andreas Butz: Neben dem gesundheitlichen Aspekt, warum würden Sie gerade Unternehmern oder Führungskräften empfehlen Marathon zu laufen?
Karl-Erivan Haub: In einer Zeit, wo der Mensch 90-100 Jahre alt werden kann, ist Laufen auch eine Investition in die letzten 10-15 Jahre des eigenen Lebens. Laufen macht nicht nur viel Spaß, es hat auch einen langfristigen Nutzen.

Ich höre immer wieder, wenn ich wieder mal jemanden versuche zu motivieren: »Die Zeit, die Zeit«. Eine Stunde fürs Laufen zu finden, das geht wirklich immer, da gibt es überhaupt keine Ausrede. Eine Stunde oder eineinhalb mit Duschen findet man immer, wenn man laufen möchte. Alles andere sind Ausreden.

Marathon laufen erfordert eine gewisse Selbstdisziplin, im Kampf gegen den inneren Schweinehund, den wir ja alle kennen. Das Marathonlaufen hat mir über so manche schwere Zeit hinweg geholfen. Da gibt es bei mir viele Beispiele, wo es mir mal schlecht ging, geschäftlich zum Beispiel, da haben wir alle immer wieder unsere Herausforderungen. Auf der anderen Seite habe ich aber auch gemerkt, dass es mir sportlich besser ging, weil ich mich für etwas Besonderes vorbereitet habe. Wenn mir dies bewusst wird, dann geht es mir auch insgesamt besser. Das balanciert dann so. Da kann das eine das andere ein Stück weit ausgleichen. Das habe ich mehrfach schon so erlebt.

Und ich glaube auch, weil wir im beruflichen Alltagjahr von einer zu unglaublichen Komplexität umgeben sind, richtig schwierigen Vorgängen, ist es so herrlich und unkomplex, sich einfach nur die Schuhe anzuziehen und irgendwo eine Runde zu drehen. Und außerdem kann man auch auf seinen Geschäftsreisen auf der ganzen Welt wunderschöne Plätze entdecken. Wenn man immer nur mit dem Flugzeug landet, mit dem Auto zur Besprechung fährt und seine Zeit in irgendwelchen Meetingräumen verbringt, oder bei Geschäfts- und Fabrikbesichtigungen, dann verpasst man was. Wenn man morgens jedoch eine Stunde durch die Gegend läuft, erlebt man die ganze Welt ganz anderes.
Andreas Butz: Vielen Dank für das Interview!
Mai, 2012