Jörg Beer

Schwitzen für Erfolg - Interview mit Jörg Beer, Fleurop Schweiz

Fotos: Norbert Wilhelmi
Jörg Beer

Fleurop Schweiz

193 cm groß, über 100 kg schwer und seit 28 Jahren dem Unihockeysport als Spieler, Vorstand und Präsident verbunden. Dazu 29 Marathons im Rücken und die 100 Kilometer von Biel im Sinn. Einige Zahlen, die den Schweizer »Blumenkönig« (Handelszeitung) ausmachen.

Im Interview mit Andreas Butz verriet Jörg Beer, geboren 1967, wie dies alles zusammen passt und warum ihm Lauftermine genauso wichtig sind wie Geschäftstermine.

 

Andreas Butz: Sie sind heute ein erfolgreicher Manager und durch und durch Sportler. Wie kam es, dass Sie bereits mit 18 Jahren Präsident eines Vereins waren?
Jörg Beer: Ja, das war die Zeit Mitte der 80er Jahre, da wurde Unihockey in der Schweiz populär. Als Kinder gingen wir immer nach draußen spielen, zuerst Fußball, dann mit Eishockeystöcken auf dem Feld. Dann ist diese Sportart aufgekommen und wir haben relativ schnell einen Verein gegründet. Zu Beginn waren das nur wenige Leute und dann muss man die Aufgaben halt irgendwie aufteilen. Man hatte zum Teil mehrere Aufgaben gleichzeitig: Schiedsrichter, Trainer, Präsident, was auch immer. Das war zu dieser Zeit alles noch möglich.
Andreas Butz: Und Sie sind dem Unihockey auch heute noch verbunden?
Jörg Beer: Ja, ich bin Präsident der Unihockey Sektion des Grasshopper Club Zürich, besser bekannt als Fußballverein. Auch nach 28 Jahren bin ich dem Unihockey weiterhin verbunden.
Andreas Butz: Und wann haben Sie den Zugang zum Laufen gefunden? Gab es eine Initialzündung?
Jörg Beer: Ja. Ich bin etwa 1,93 Meter groß und heute etwas mehr als 100 Kilo schwer. Die wenigsten würden mich für einen Läufer halten. Mitte der 90er Jahre, während des Studiums, hatte ich Probleme mit dem Gewicht. Und dann habe ich von 120 Kilo auf 90 Kilo abgenommen. Um das Gewicht zu halten bin ich in ein Fitnessstudio gegangen und habe dort nicht nur Krafttraining gemacht, sondern auch auf diesen Konditionsgeräten trainiert. Und da war ich erstaunt, dass es mir möglich war, eine halbe Stunde am Stück zu rudern oder auf dem Fahrrad zu sitzen oder auf dem Laufband zu sein. Da dachte ich mir: »Okay, wenn du das eine halbe Stunde aushältst, dann geh doch mal laufen. Ist ja eh interessanter.« Und dann bin ich mal laufen gegangen und habe die Welt nicht mehr verstanden. Man kann ja eine halbe Stunde laufen, wenn man es nicht übertreibt. Und dann wurde das innerhalb von wenigen Wochen eine Stunde und ich wusste, dass ich etwas gefunden hatte, um mein Gewicht im Griff zu behalten. Aber ich bin ein ehrgeiziger Mensch, in allem was ich mache. Ich habe mir dann gesagt: »Okay, damit du sicherlich weiterhin trainierst und weiterläufst, dann musst du dich mal für einen Marathon anmelden«. Und das war dann eineinhalb Jahre später der New York Marathon. Wenn schon, dann sollte es etwas rechtes sein. So habe ich begonnen Marathon zu laufen.
Andreas Butz: Was hat Sie damals gereizt? Dass bereits das Schaffen eines Marathons ein Erfolg ist, ohne bestimmten Zeitdruck?
Jörg Beer: Marathonlaufen bietet mir zwei verschiedene Arten von Belohnungen. Zunächst die intrinsische Belohnung, sich selbst mit einer Leistung zu belohnen, die man plötzlich reißen kann. Mit Einsatz, mit Training, mit Willen. Aber auf der anderen Seite ist das auch die Beachtung von außerhalb, also die extrinsische Belohnung. Früher war das in der Schweiz noch ausgeprägter. Wenn man eine Offizierskarriere gemacht hatte, dann war das sehr hilfreich für die Karriere. Heute nutzt das nichts mehr. Heute findet man Beachtung, in dem man als Marathon laufender Manager zeigt, dass man im Stande ist sein Leben zu organisieren. Und das, gebe ich gerne zu, auch diese Beachtung ist für mich eine Art Belohnung, die mich motiviert zu laufen.
Andreas Butz: Marathon als erlebbares und sichtbares Zeichen für Erfolg?
Jörg Beer: Ja. Aber das war nicht alles. Ich habe dann auch plötzlich gemerkt, dass ich während der Laufeinheiten sehr kreativ war. Ich ging laufen und kam immer wieder mit neuen Ideen zurück. Ich blühte richtig auf, konnte anschließend alles aufschreiben. Auch erzeugt Laufen so eine Reinigung, ein Chill-out irgendwie. Ich konnte etwas abhängen, mich wieder erholen und entspannen.
Andreas Butz: Wann waren diese ersten Lauferlebnisse?
Jörg Beer: Da reden wir von 1995, als ich abgenommen habe. Und dann von 1997, wo ich meinen ersten Marathon gelaufen bin, in New York.
Andreas Butz: Und bis heute Sie sind dem Marathonlaufen treu geblieben?
Jörg Beer: Bis 2005 bin ich 10 Marathons gelaufen. Heute habe ich 29 Marathons gemacht, in letzter Zeit eben relativ viele.
Andreas Butz: Alle Achtung, da haben Sie ja ganz schön zugelegt.
Jörg Beer: In den letzten eineinhalb Jahren hatte ich dann wegen plötzlich aufkommender Beschwerden in den Archillessehnen und Knien einen Durchhänger, wahrscheinlich habe ich zu viel gemacht, habe jetzt aber wieder angefangen regelmäßig zu laufen und es macht nach wie vor richtig Spaß. Ich will unbedingt meinen 30. Marathon machen. Aber ich denke, das wird dann der letzte sein.
Andreas Butz: Und welcher Marathon war bisher Ihr Highlight?
Jörg Beer: Der Swiss Alpine, der lange.
Andreas Butz: Der K78?
Jörg Beer: Ja, genau. Der erste K78 war mein Highlight. Ein oder zwei Jahre vorher hatte ich den K42 gemacht. Der war 2002 in 6:42 Stunden. Ich habe alle Teilnehmer des K78 irgendwie für verrückt gehalten und mir immer gesagt: »Das kannst du gar nicht. Das ist absolut nicht normal!« Und ein oder zwei Jahre später habe ich zu mir gesagt: »Klar kannst du das«. Ich habe dann meine Trainings ein wenig ausgebaut. Vielleicht auch übertrieben, ich weiß es nicht. Ich bin acht Wochen lang jeden Samstag rund 42 Kilometer gelaufen. Diese Marathons habe ich bei den 29 jedoch nicht gezählt.
Andreas Butz: Und heute? Wie oft laufen Sie pro Woche?
Jörg Beer: Üblicherweise dreimal, in den letzten acht Wochen vor einem Marathon zwischen vier und fünf Einheiten.
Andreas Butz: Sie sind berufsbedingt viel unterwegs. Wie schaffen Sie es, das Training in den Alltag zu integrieren?
Jörg Beer: Ja eben, das ist wichtig, die Integration des Laufens. Für mich ist ein Training, eine Laufeinheit, genauso wichtig wie ein Geschäftsmeeting, ich meine von der Planung her. Ich sage nicht: »Ich muss jetzt zuerst alle meine Geschäftstermine haben und am Abend geh ich dann laufen.« Ich denke, ich war am Abend noch nie laufen, also selten. Ich versuche diese Trainings immer in den Alltag einzubinden, dort wo es freie Räume gibt. Diese Freiräume können im Sommer morgens um sechs Uhr sein. Aber es kann auch von elf bis zwölf am Vormittag sein oder von drei bis vier am Nachmittag, wenn anschließend noch ein Meeting kommt. Ich versuche diese Einheiten wirklich in den Tag hinein zu nehmen, dass mir der Abend noch für anderes bleibt. Das ist sehr, sehr wichtig. Ich bin nicht der Typ Manager, der 15 Stunden am Tag zu arbeiten braucht, um seine Ziele und Aufgaben zu erfüllen. Sondern ich versuche das mit einer ausgewogenen Bilanz aus verschiedensten Tätigkeiten wie Laufen, meiner Tätigkeit als CEO der Fleurop in der Schweiz, wie auch als Präsident dieses Unihockeyclubs. Daneben bin ich noch in zwei Verwaltungsräten aktiv. Und ich versuche da wirklich ein ausgewogenes Leben, eine ausgewogene Zeitplanung zu machen. Und ich denke, das macht es auch einfacher keine Überbelastungen zu erleiden, weder vom Sport her, noch vom Job.
Andreas Butz: Wenn Sie jemand fragen, würde, warum er mit dem Laufen anfangen sollte, was würden Sie ihm spontan antworten?
Jörg Beer: Man wird ausgeglichener. Man wird viel entspannter. Man lernt sich noch besser durchzusetzen, diszipliniert Ziele zu verfolgen. Und, es ist gesund. Man spürt, dass man wirklich viel leistungsfähiger wird, nicht nur im Körper, sondern auch oben im Kopf.
Andreas Butz: Kommen wir zum Schluss zu möglichen Zielen. Abgesehen vom 30. Marathon, den Sie gerne noch laufen möchten, gibt es weitere sportliche Ziele, die in Ihrem Hinterkopf schlummern?
Jörg Beer: Also, diese 100 Kilometer von Biel. Sie wissen ja, wie das ist. Man will immer noch eine Stufe weiter und deshalb habe ich mich schon dabei ertappt, von diesem Ziel zu träumen.
Andreas Butz: Also wer den K78 dreimal schafft, der schafft auch garantiert die 100 Kilometer von Biel! Vielen Dank für den Einblick in Ihr Sportlerleben.
Mai, 2012