Jochen Spethmann

Interview mit Jochen Spethmann, Laurens Spethmann Holding

Fotos: Michael Schultze
Jochen Spethmann

Laurens Spethmann Holding
(Meßmer, Milford und Onno Behrends Tee)

Als Jugendlicher im Internat mochte er ihn gar nicht. Heute ist der Morgenlauf »der erste Sieg des Tages«. Jochen Spethmann, Jahrgang 1957, Chef der Laurens Spethmann Holding (Meßmer, Milford und Onno Behrends Tee) ist seit vielen Jahren leidenschaftlicher Marathonläufer. Und die Teilnahme an Volksläufen rund um Hamburg sieht er als Belohnung für sein regelmäßiges Training, wie der Unternehmer Andreas Butz im Interview verriet.

 

Andreas Butz: Herr Spethmann, Sie sind begeisterter Marathonläufer. Wie sind Sie zum Laufen gekommen?
Jochen Spethmann: Das ist eine lustige Geschichte. Ich durfte einen Teil meiner Schulzeit, die letzten drei Jahre, auf dem Internat Schule Schloss Salem verbringen. Da gab es den berühmten Morgenlauf, kurz vor dem Frühstück. Den habe ich damals überhaupt nicht geliebt. Im Nachhinein ist dadurch aber ein Samen in mir eingepflanzt worden, der erst später zum Erblühen kam. Während der Bundeswehrzeit konnte man sich Sonderurlaub verdienen, indem man sich mit Laufen bei Kompanie- oder Divisionswettbewerben hervortat. Und das habe ich auf Sprint- oder Mittelstrecken eifrig genutzt. Als ich mit meiner Lehre hier in Hamburg anfing, musste ich etwas für meinen starken Bewegungsdrang tun. Ich habe eigentlich fast immer Basketball oder Fußball, später dann Hockey gespielt, und als ich dann eines Tages den ersten und einzigen Jogger sah, der damals um die Alster unterwegs war, war das der eigentliche Start meiner »Läuferkarriere«.
Andreas Butz: Und heute ist die Alster eine der meistfrequentierten Joggingrunden in Europa.
Jochen Spethmann: Stimmt, ist auch heute noch meine bevorzugte Strecke. Nach meiner Lehrlingszeit bin ich '80 bis '84 nach New York gegangen. Dort war der Joggingboom schon voll im Gange. Und ich habe richtig angefangen, das Laufen in mein Leben zu integrieren. Ich habe mir diese Stadt sozusagen erlaufen. Aber nur so mit dem Hintergedanken, ich muss irgendetwas mit meiner Energie machen und fit bleiben. Da war noch gar keine Rede vom Marathon.
Andreas Butz: Sie haben das Laufen fest in Ihrem Leben verankert?
Jochen Spethmann: Ja, nach unserer Heirat sind meine Frau und ich '85 zurück nach Deutschland gekommen. Dann kamen unsere 3 Kinder und mir wurde klar, mit Familie und Beruf, dass ich meine Mannschaftssportarten zeitbedingt nicht mehr ausüben konnte. Laufen hat diese Lücke mehr als gefüllt, weil es bei mir im Laufe der Zeit eine wichtige Funktion einnahm, ich nenne es Seelenreinigung. Einfach eine Zeit, wo man mit sich selber alleine ist, wo man manchmal viel nachdenkt, manchmal gar nicht, was sehr erholsam sein kann, wie ich finde. Ich habe es aktiv mit meinen Kindern genutzt. Als sie noch klein waren, habe ich sie laufenderweise im Kinderwagen geschoben und das Fahrradfahren beigebracht, indem ich sie festhielt und nebenher lief.
Andreas Butz: Und wie kam es dann zum ersten Marathon?
Jochen Spethmann: 95 traf ich einen Salemer Freund, er erzählte ganz begeistert: »Ich bin einen Marathon gelaufen, das war eine tolle Erfahrung« und schenkte mir ein Buch von Jeff Galloway. Dann habe ich mir den Marathon hier in Hamburg angesehen, beobachtet, wie viele relativ unförmige Menschen dabei waren und gedacht: »Mensch, das kannst du auch,« Der eigentliche Anstoß kam aber von meiner Frau im Sommer. Als ich wieder über das Thema redete, sagte sie: »Das machst du doch nicht!« Da habe ich das Buch rausgeholt, mich angemeldet und mich auf meinen ersten Marathon vorbereitet.
Andreas Butz: Was kam dann im folgenden Frühjahr?
Jochen Spethmann: Der Hamburg Marathon im April '96. Das war gleich meine erste »Hammer« Erfahrung - es waren 25 oder 26 Grad, viel zu heiß für mich. Weil es mein Erster war, bin ich ihn aber glücklicherweise sehr langsam und vorsichtig angegangen und ihn in 4:26 Stunden beendet. Seitdem wusste ich, das ist eine super Geschichte für dich, das machst du, und so habe ich fast jedes Jahr einen Marathon geschafft - bis heute 14.
Andreas Butz: Sehr gut.
Jochen Spethmann: Ich habe das Laufen in meinen Alltag integriert, wegen der Familie und meines Berufs, stehe ich morgens, so um fünf, halb sechs auf, laufe meine zehn Kilometer oder wenn ich in der Vorbereitung auf einen Wettkampf bin, auch mal fünfzehn. Die langen Läufe dann am Wochenende. Und ich nehme eigentlich alles an kürzeren Distanzen mit, was in Hamburg und Umgebung angeboten wird.
Andreas Butz: Ja, also sie sind ein regelmäßiger Volksläufer? Von 10 Kilometern bis Halbmarathon, auch das hat für Sie einen Reiz?
Jochen Spethmann: Ja, das ist für mich Belohnung für das Training. Das Tolle am Marathon ist die Erfahrung, immer wieder mit sich selber zu kämpfen und seine persönlichen Ziele zu erreichen. Aber das eigentlich Wichtige für mich ist die Vorbereitungszeit, das Training, es hilft mir, mich selber zu führen. Da ist für mich die stärkste Parallelität zum Beruf und zum persönlichen Leben gegeben. Man muss sehr sorgfältig planen und eine ganze Menge Disziplin an den Tag legen, um zu sagen: »Ja, jetzt ist es zwar dunkel, kalt, regnerisch und furchtbar, aber ich muss und will jetzt raus, trainieren, hilft alles nichts!« Diese Einstellung hat mir über die Jahre immer wieder geholfen, auch schwierige Situationen besser zu bewältigen. Durch das Lauftraining, fühle ich mich einfach fitter, wacher, kann mit Stress besser umgehen, schlafe besser, kann mehr oder weniger essen und trinken, was ich will. Da ich viel reise, ist Laufen auch unterwegs prima, es ist völlig unaufwendig, man kann es fast überall machen.
Andreas Butz: Ich höre da mehrere Triebfedern, wenn ich das richtig verstanden habe. Auf der einen Seite haben Sie diesen inneren Antrieb sich zu bewegen und Laufzeiten sind für Sie auch Auszeiten. Auf der anderen Seite sagen Sie, ist das Laufen auch eine bewusste Entscheidung zur Selbstführung, einen aktiven Lebensstil zu führen, damit Sie im sonstigen Leben fit sind.
Jochen Spethmann: Ja, das ist richtig.
Andreas Butz: Einen Marathon laufen Sie pro Jahr als Highlight und zwischendurch diese Volksläufe als Belohnung und Zwischenanreiz für das Training?
Jochen Spethmann: Genau. Diese Wettkämpfe sind für mich das »Icing on the Cake«, weil sie immer eine besondere Atmosphäre bieten.
Andreas Butz: Spielt die Wertung dann für Sie auch eine Rolle? Schauen Sie auch auf ihre Altersklasse?
Jochen Spethmann: In jedem Fall, ich versuche, je nach Feld, in die Top 50 % insgesamt und in die Top 30 % meiner Altersklasse zu kommen. Früher habe ich mich sehr geärgert, wenn ich meine Ziel Zeit nicht geschafft habe. Ich habe dann mit mir gerungen: »Was hast du falsch gemacht? Du hättest dich anders vorbereiten müssen, und Mist, hast dich doch wieder vom Vordermann besiegen lassen», etc. Da bin ich mittlerweile gelassener geworden. Wenn es z.B. wärmer ist als 15 Grad, weiß ich, das ist nicht mein Wetter, dann kann ich neue Bestzeiten vergessen.
Andreas Butz: Treten Sie bei diesen Wettkämpfen alleine auf oder mit Freunden?
Jochen Spethmann: Öfters mit meinem besten Freund, der von mir angesteckt, auch seit Jahren Marathon läuft. Wir machen gelegentlich die langen Läufe zusammen, aber ansonsten macht das jeder, wie es für ihn am besten passt. Mit ihm, seiner Familie und gemeinsamen Freunden aus unserer gemeinsamen Salemer Zeit, machen wir alle paar Jahre ein Highlight. Wir sind zum Beispiel zweimal in New York zusammen gelaufen, als wir 40 bzw. 50 wurden. Wenn die Familien und Freunde mit dabei sind, ist das extra Motivation und Belohnung. Danach schauen wir: »Okay, wo waren wir noch nicht, wo wollen wir jetzt mal hin?«
Andreas Butz: Bei all diesen Erlebnissen, ist Ihnen da ein Erlebnis besonders haften geblieben?
Jochen Spethmann: Bei meinem ersten Marathon: Bei Kilometer 20 bemerkte ich kurz vor mir eine untersetzte, dickliche Läuferin. Da habe ich zu mir gesagt: »Okay, die hängst du jetzt ab«", habe sie überholt und nicht mehr darüber nachgedacht. 5 Kilometer weiter, ist sie wieder vor mir. Ich denke »Das gibt es doch nicht«, wieder überholt und nicht mehr gesehen. Auf der Zielgeraden war sie wieder 20 Meter vor mir. Ich dachte, »Wie schafft sie das?« Da musste ich nochmal richtig Gas geben, um sie vor dem Ziel noch ab zu fangen. Da habe ich erkannt, dass man vom Aussehen eines Menschen nicht auf dessen läuferische Fähigkeiten schließen kann, und dass im Grunde jeder Marathon laufen kann, der den Willen dazu hat und sich vernünftig vorbereitet. Einen interessanten Aspekt finde ich übrigens, dass man im Marathon ständig Leute überholt, aber man selber gleichzeitig von vielen anderen überholt wird. Das lehrt Demut und Bescheidenheit.
Andreas Butz: Der Marathon, in erster Linie ein Sieg über sich selbst?
Jochen Spethmann: Sehr richtig. Es geht um persönliche Ziele und nicht darum, andere zu besiegen.
Andreas Butz: Ich würde ganz gerne noch mal zu Ihrem Alltag kommen. Sie laufen meistens morgens, trotz den Morgenläufen von Salem?
Jochen Spethmann: Ja, wie schon erwähnt, ist das für meinen Tagesablauf am besten. Wenn ich morgens laufe, ist das für mich der erste Sieg des Tages. Dann komme ich in unsere Firma, bin wach, voller Energie und schaffe auch mehr, als an anderen Tagen. Ich laufe drei bis fünf Mal pro Woche und komme im Schnitt auf 40, manchmal auch 50 Kilometer, weil ich am Wochenende versuche, einen längeren Lauf einzulegen. In der Marathonvorbereitung peile ich 70 Kilometer pro Woche an.
Andreas Butz: Und bei Ihren Geschäftsreisen sind die Laufschuhe im Handgepäck?
Jochen Spethmann: Ja. Am liebsten laufe ich draußen, Winter wie Sommer, Regen oder Sonne. Mittlerweile habe ich mir an meinen regelmäßigen Reisestationen meine Strecken erlaufen. In manchen Ländern bleibt nur das Laufband, aber länger als eine Stunde auf dem Laufband, meistens eine Tempoeinheit, halte ich nicht aus, weil es so langweilig ist. Was ich im letzten Jahr neu entdeckt habe, sind Stadtführungen als Sightrunning, die ich in Städten, die ich noch nicht kenne, nutze, wenn ich alleine unterwegs bin. Das ist eine wunderbare Sache, manchmal mache ich das in kleineren Städten auch alleine, gucke mir vorher den Stadtplan an und düse durch die Gegend. Mühsam sind allerdings, besonders auf Reisen, die langen Läufe. Kennen Sie das auch?
Andreas Butz: Ja, selbstverständlich. Manchmal muss ich mich auch mit Disziplin zu den langen Läufen zwingen. Aber es sind die Marathonziele, die uns am Laufen halten und den besonderen Kick geben.
Jochen Spethmann: Da gebe ich Ihnen völlig recht. Wenn unsere neuen Auszubildenden in unserer Firma anfangen, dann stelle ich ihnen die Frage: »Wer ist hier, um Spaß bei der Arbeit zu haben?« Alle heben brav ihren Arm und dann gucke ich ernst in die Runde: »Dann seid ihr hier falsch!« Betretenes Schweigen und ich frage weiter: »Was macht Ihr Vater?«, »Der ist Polizist«, »Hat er immer Spaß an seinem Beruf?« »Nein, er ärgert sich, wenn die Leute, die er verhaftet, wieder laufen gelassen werden. Und manchmal ist er frustriert, weil die Dinge nicht so laufen, wie er will.« Ich frage nach: Warum geht er trotzdem hin? »Weil er Geld verdienen muss.« »Das ist schon mal ein guter Grund. Warum noch?« »Weil er einen Sinn findet, in dem was er tut!« "Sehen sie, Sinn ist viel wichtiger als Spaß." Natürlich sollte einem das, was man tut, Freude bringen, keine Frage. Aber kein Job der Welt macht immer nur Spaß, man erlebt Frust, man muss durchhalten, sich durchbeißen und quälen. Aber wenn man den Sinn erkennt und die Resultate sieht, dann freut man sich und ist glücklich, besonders, wenn es schwer war. Und genau diese Erfahrung macht man beim Laufen. Apropos Kick: Ganz besonders schön sind die magischen Momente, wo alles zusammen kommt, das Wetter, die Umgebung, die eigene Fitness und Stimmung, dann läuft man wie von alleine, fast mühelos, schwebt irgendwie – fantastisch!
Andreas Butz: Ist es Ihnen schon gelungen, Ihre Begeisterung für das Laufen auch auf andere zu transportieren?
Jochen Spethmann: Ja, aber ich bin kein Missionar. Ich mag Leute überhaupt nicht, die mich beim Abendessen den ganzen Abend von ihrem Lieblingssport sprechen oder mich gar dazu überreden wollen. Insofern versuche ich, das anderen Menschen auch nicht anzutun. Aber wenn mich jemand anspricht: »Erzähle doch mal, wie ist das für dich?«, dann gebe ich gerne Auskunft oder auch Tipps, wenn gewünscht. Wir haben in unserer Firma eine kleine Läufergruppe, mit der haben wir schon an verschiedenen Firmenläufen teilgenommen, die z.B. in der von mir geliebten HSV-Arena endeten, das war klasse. Richtig stolz bin ich, dass unsere beiden Söhne, 22 und 20, auch laufen. Sie sind noch keine Marathonläufer, der ältere ist aber schon einen Halbmarathon gelaufen, in hervorragenden 1:29 Stunden. Für unsere Jungs ist das Laufen anscheinend ebenfalls wichtig.
Andreas Butz: Vielen Dank für das Interview!
Mai, 2012