Franziska Tschudi

Schwitzen für Erfolg – Interview mit Franziska Tschudi

Franziska Tschudi

CEO
Wicor Gruppe

Franziska Tschudi, CEO der Wicor Gruppe aus Rapperswil-Jona in der Schweiz ist eine sehr sportliche Person. Sie läuft Marathon, spielt Tennis und fährt Skilanglauf. Doch das war nicht immer so. Es war 1985, als die damals 26-jährige nach einem schweren Asthma-Anfall auf die Intensivstation eines Washingtoner Krankenhauses gebracht wurde. Hätte sie durch ihr Aerobic-Training nicht bereits eine gestärkte Grund-Physis gehabt, hätte sie den Asthma-Anfall vielleicht nicht überlebt.

»Schreiben Sie mir eine Karte, wenn Sie Ihren ersten 10-Kilometerlauf gemacht haben« antwortete der damals behandelnde Arzt auf ihre Nachfrage, ob der Laufsport etwas für sie sei, um wieder zu Kräften zu kommen. Franziska Tschudi wohnte damals in Washington D.C und erlebte den Lauf-Boom in Amerika. Es dauerte nur ein Jahr, bis die Schweizerin – dann wohnhaft in New York - das erste Mal ein Rennen über 10 Kilometer lief. Das Laufen, ursprünglich als reine Präventionsmaßnahme gedacht, wurde für Franziska Tschudi viel mehr. Es wurde eine Leidenschaft. Und das gestiegene Selbstbewusstsein führte Sie auch zum Mountainbike-Fahren und Bergwandern. Und aus den 10 Kilometern sind längst Marathondistanzen geworden.

Auf fünf flache Marathons folgte bisher dreimal der Jungfrau-Marathon, ein Alpin-Marathon mit gut 2000 Höhenmetern. »Heute habe ich trotz Asthma eine leistungsfähigere Lunge als die meisten gesunden Frauen in meinem Alter«. Das attestierten ihre Ärzte. Und nicht nur das. Das Kennenlernen der sportlichen Möglichkeiten steigerte ihr Selbstvertrauen auch in anderen Lebensbereichen. Vom Wissen über ihre Möglichkeiten und Grenzen profitiert die Top-Managerin auch im Beruf. Andreas Butz traf sie zu einem gemeinsamen Trainingslauf in Rapperswil am Zürichsee.

 

Andreas Butz: Frau Tschudi, zunächst herzlichen Glückwunsch zu ihrer sportlichen Karriere. Inzwischen sind Sie die Hälfte ihres Lebens Hobbyläuferin. Wie wichtig ist Ihnen das Laufen auch noch 26 Jahren nach der Initialzündung in Washington?
Franziska Tschudi: Laufen gehört zu mir, zu meinem Wohlbefinden, zu meiner körperlichen »Ganzheit«. Ich trainiere aber selten mehr nach Plan, ich laufe einfach, so wie es mir guttut.
Andreas Butz: Als Sie den ersten Marathon liefen wohnten Sie wieder in der Schweiz. Warum wählten Sie dennoch den New York Marathon für ihre Marathonpremiere?
Franziska Tschudi: Ich habe zwei Jahre in den USA gelebt und ein paar Monate auch in New York - eine sehr prägende Zeit, die mich für den beruflichen Marathon fit machte. Zudem konnte ich so laufenderweise ein ausgedehntes Sightseeing dieser speziellen Stadt machen und meiner Familie (meinem Fan-Team) ein unvergessliches Ambiente bieten.
Andreas Butz: Und was führte Sie zum Jungfrau-Marathon? Sein Ruf als weltweit schönste Marathonstrecke oder die persönliche Herausforderung einen Alpin-Marathon zu meistern?
Franziska Tschudi: Wohl beides. Ich finde das Berglaufen sehr viel gelenkschonender und einfach schöner als Naturerlebnis, als das Abklopfen von Asphaltkilometern. Und als Berggängerin und Berner Oberland - Kennerin musste ich einfach diese traumhafte Strecke wählen.
Andreas Butz: Was hat das Laufen in Ihnen ausgelöst? Physisch wie psychisch?
Franziska Tschudi: Es hat mir ein viel besseres Körpergefühl gebracht, sicher auch geholfen, weitere gesundheitliche Probleme gut zu bewältigen, und es hat mich in jeder Hinsicht ausdauernder und belastbarer gemacht. Und mir oft einfach ein »kleines Glücksgefühl« beschert...
Andreas Butz: Was dominiert beim Training mental? Das Verarbeiten von Gedanken, die sie emotional beschäftigen oder das Entspannen, einfach mal an nichts zu denken?
Beides, je nachdem wie ich drauf bin. Zudem berührt mich die Natur und gibt mir Kraft, Ideen und Gelassenheit.
Andreas Butz: Inwieweit profitieren Sie von ihrer sportlichen Karriere auch für Ihren Beruf? Was können Manager von Marathonläufern lernen? Und warum sollten sich auch Auszubildende sportlich fit halten?
Franziska Tschudi: Sich selber, seinen Körper und seine mentalen Kräfte gut zu kennen hilft auch in Beruf, weil man so alle seine Kräfte besser und vernünftig einsetzen lernt. Und das - im weitesten Sinne - »allein sein« als Führungsperson lernt man zwangsläufig als Langstreckenläufer. Wenn dann noch die mentale Erholung und gelegentlich ein Kick durch einen erfolgreich absolvierten Wettkampf dazukommt, dann wird man/frau eine ausgefülltere, ausgeglichenere, motivierendere Führungskraft. Ich bin überzeugt, dass »mens sana in corpore sano« für jeden gilt, unabhängig des Alters.
Andreas Butz: Planen Sie Ihr Training wie ihre geschäftlichen Termine? Bitte verraten Sie uns einige Zeitmanagement-Tipps, wie Sie Sport, Familie und Beruf unter einen Hut bringen.
Franziska Tschudi: Ich versuche, dreimal pro Woche Sport zu machen und lege längere Läufe etc. natürlich aufs Wochenende. Wenn möglich plane ich an den Wochentagen möglichst wenig über Mittag, das gibt Freiraum für Sport bzw. Training. Und vor allem motiviere ich Kollegen, statt eine Sitzung im Büro abzuhalten, mit mir laufen zu gehen. Da ergeben sich oft die besten Lösungen für schwierige Probleme, und es fördert die Kameradschaft.
Andreas Butz: Zum Abschluss, fallen Ihnen Persönlichkeiten ein, mit denen Sie gerne mal joggen möchten? Wenn ja, warum?
Franziska Tschudi: Ich würde bzw. werde jede Chance wahrnehmen, mit einer interessanten Person laufen zu gehen! Herzlichen Dank für das Interview!
Andreas Butz: Vielen Dank für das Interview
Juli 2011