Dr. Rolf Strittmatter

Schwitzen für Erfolg – Interview mit Dr. Rolf Strittmatter

Dr. Rolf Strittmatter

Geschäftsführer
ZukunftsAgentur Brandenburg GmbH

„Je mehr ich als Manager gefordert werde, umso stärker wächst mein Bedürfnis nach körperlicher Erfahrung. Management ist Kopfarbeit, beim Laufen spüre ich den ganzen Körper.“ Obwohl Dr. Rolf Strittmatter (geb. 1970), Geschäftsführer der ZukunftsAgentur Brandenburg GmbH bereits acht Marathons gelaufen ist und ihn die letzten 10 Sekunden von Hamburg-Marathon 2010 nach wie vor ordentlich ärgern - er finishte in persönlicher Bestzeit von 3:30:09 Stunden - ist Laufen für ihn in erster Linie ein Rückzugsort. Je schwieriger in der Vergangenheit die berufliche Situation war, umso mehr brauchte er das Laufen „um im Kopf aufzuräumen“. Das sind die Phasen, wo der sportliche Ehrgeiz hinten ansteht, die Laufstrecken im Training länger werden und das Tempo langsamer.

Der Manager und dreifache Vater läuft in der Regel zweimal pro Woche, ohne Trainingsplan und nur in den letzten sechs Wochen vor einem Marathon etwas häufiger. Für einen ambitionierten Läufer ein Minimalprogramm, dessen ist er sich bewusst. Und so harrt in seinem Hinterkopf die Frage, was er wohl drauf hätte, wenn er sich mal länger und gewissenhafter auf einen Marathon vorbereiten würde. Die Teilnahme am New York Marathon könnte für ihn solch eine Herausforderung sein.

„In der Marathonvorbereitung denke ich wie bei beruflichen Projekten in Zwischenzielen, ohne das große Ziel, den eigentlichen Marathon aus den Augen zu verlieren. Man läuft zunächst einfach los und ist schon auf dem Weg“ zieht Rolf Strittmatter im Interview mit Andreas Butz eine Parallele zwischen seinem Sport und seiner beruflichen Arbeit als Wirtschaftsförderer.

 

Andreas Butz: Herr Dr. Strittmatter, wie auf viele andere auch übt der New York City Marathon einen großen Reiz auf sie aus. Warum ausgerechnet New York?
Rolf Strittmatter: Natürlich leisten der hohe Bekanntheitsgrad und das allgemeine Image dieser Veranstaltung ihren Beitrag. Der beruflich bedingte Umzug eines sehr guten Freundes nach Manhattan hat den Reiz dieses Marathons für mich persönlich weiter erhöht, da ich hier eine ideale Kombination aus sportlicher Herausforderung, freundschaftlichem Wiedersehen und außergewöhnlichem Sightseeing sehe.
Andreas Butz: Den Hamburg-Marathon haben Sie bisher als Ihren schönsten erlebt. Warum?
Rolf Strittmatter: Ich ging hier zum ersten Mal ohne spezielle Erwartungen, zeitliche Zielmarken und ohne zielgerichtete Vorbereitung an den Start gegangen. Im Vordergrund stand ein schönes Wochenende, der Genuss am Laufen und quasi eine Stadtbesichtigung der besonderen Art. Während des Laufs entwickelte sich dann im Kopf, hervorgerufen durch das herrliche Wetter und die tolle Stimmung entlang der Strecke, eine neue, gleichzeitig aber entspannte Zielorientierung, die ich als sehr motivierend und letztendlich leistungssteigernd empfunden habe. Eine tolle Selbsterfahrung, die sich aber in der Rückschau auch immer wieder in meinem bisherigen Leben bestätigt hat.
Andreas Butz: Sie haben früher mehr Tennis gespielt. Was reizt Sie heute am Laufen und warum würden Sie es auch anderen Kopfarbeitern empfehlen?
Rolf Strittmatter: Ja, auf alle Fälle. Während ich beim Tennis doch oft mit den Gedanken beim Gegner war, bin ich während des Laufens nur mit mir selbst beschäftigt. Für einen Kopfarbeiter wie mich ist Laufen somit zum Erholungs-, Entrümpelungs- und Aufräumprozess geworden, ohne den ich nicht so belastbar und leistungsfähig wäre. Ich verbinde auf diese Art das Nützliche mit dem Angenehmen.
Andreas Butz: Wie schaffen Sie es Training, Beruf und Familienleben zu koordinieren. Wann trainieren Sie? Haben Sie ein paar Zeitmanagement-Tipps parat?
Rolf Strittmatter: Den Schlüssel zum Erfolg läuft bei mir unter dem Schlagwort „antizyklischer Sport zum Familienleben“. Ich laufe beispielsweise gerne in der Mittagspause, bei schlechtem Wetter oder zunehmend auch mit Kinderwagen, da sich in diesen Situationen berufliche, familiäre und sportliche Interessen gegenseitig ideal ergänzen. Meine Frau ist ganz froh, wenn unsere Kleine mit mir unterwegs ist, beide ausgeglichen zurückkommen und ich nicht die per se knappe Familienzeit noch mit eigenen sportlichen Aktivitäten weiter minimiere.
Andreas Butz: Sie beschreiben Marathontraining als einen Weg mit vielen Zwischenzielen. Welche Parallelen zwischen Training und Wettkampf auf der einen Seite und unternehmerischen Prozessen auf der anderen haben Sie entdeckt?
Rolf Strittmatter: Die Parallelen liegen für mich klar auf der Hand. In beiden Welten spielen Leitbilder, Visionen, Ziele, Strategien und Maßnahmen eine große Rolle. Alles baut auf einem Selbstverständnis des Unternehmens oder beim Laufen der eigenen Person als Basis auf. Oder in anderen Worten: Es gibt weder im Sport noch in der Wirtschaft den allgemeingültigen Königsweg, sondern entscheidend ist, dass das Gesamtkonzept individuell konsistent, logisch und fundiert ist. Dennoch muss das Konzept so gestaltet sein, dass es „auf dem Weg“ bei veränderten Rahmenbedingungen flexibel auf das Erreichen des großen Ziels angepasst werden kann. Dies bedarf einer laufenden Kontrolle und Analyse der eigenen Ressourcen (Kapital oder körperlicher Zustand) und externen Einflüsse (Marktveränderungen oder Wetter).
Andreas Butz: Sie sind als Wirtschaftsförder für Brandenburg unterwegs. Welche Rolle spielt ein Berlin-Marathon oder Schlösserlauf in Potsdam für die Region als weicher Standortfaktor?
Rolf Strittmatter: Aus meiner Sicht sind Sie wichtige Faktoren für den Bekanntheitsgrad, das Image und die Identität von Wirtschafts- und Lebensräumen. Derartige Veranstaltungen können entscheidende mentale Ankerpunkte auf der geistigen Landkarte von Investoren sein, die sie als Standort überhaupt in die Lage versetzen, ihre Qualitäten zu kommunizieren. Städte und Regionen, die hier durchs Raster fallen, mögen objektiv zwar besser gewesen sein, kamen bei dieser entscheidenden Vorauswahl jedoch gar nicht zum Zuge. Standortfaktoren werden in diesem Falle zu identitäts- und imagestiftenden Erlebnisfaktoren, wobei solchen standortspezifisch ausgestalteten Laufevents (Berlin-Marathon als urbanes Erlebnis und Schlösserlauf in Potsdam als kulturelles Erlebnis) eine marktpsychologische Schlüsselrolle zukommt.
Andreas Butz: Zum Abschluss: Mit welcher Persönlichkeit aus Sport, Medien, Politik, Wirtschaft oder Kultur würden Sie gerne mal laufen?
Rolf Strittmatter: Da ich beim Laufen gerade das Alleine-Sein genieße, habe ich diesbezüglich keine konkreten Wünsche. Andererseits ergeben sich während des Laufens in Begleitung aufgrund der ursprünglichen Fortbewegungsart und des „klaren Kopfes“ immer automatisch offene und authentische Gespräche, so dass in diesem Kontext für mich jede Person auf ihre eigene Art als Laufpartner spannend ist.
Andreas Butz: Vielen Dank für die Einblicke in Ihr Läufer- und Manager-Leben.
Juli 2011