Dr. Ferri Abolhassan

Schwitzen für Erfolg – Interview mit Dr. Ferri Abolhassan

Dr. Ferri Abolhassan

Mitglied der Geschäftsführung
T-Systems

Dr. Ferri Abolhassan ist Mitglied der Geschäftsführung von T-Systems, der Großkundensparte der Deutschen Telekom. Er arbeitet und lebt in Saarbrücken. Von hier aus führt er den Bereich Produktion. Im Saarland fühlt er sich sehr wohl, auch wegen des Laufens an der Saar. Beim Saarschleife-Marathon mit Start und Ziel in Merzig ist er das letzte Mal Saarlandmeister geworden.

Als Jugendlicher war Ferri Abolhassan Ballsportler und hatte als talentierter Squash-Spieler mit Ausdauersport nicht viel zu tun. Bis er mit 18 zufällig einen Triathleten traf, der ihn für den Ironman in Roth begeisterte. Das war im Januar 1982 und der Ultradistanztriathlon mit 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 Kilometern Radfahren und abschließend 42,2 Kilometer Laufen startete bereits im Juli. Spontan nahm er den angebotenen Startplatz an. Sein längster Ausdauerwettkampf war bis zu diesem Zeitpunkt ein Silvesterlauf über 10 Kilometer.

Ein Rad musste her: »Ich fuhr durch Schnee und auf vereisten Straßen. Im März habe ich mein Schwimmtraining gestartet.« Er schloss sich einem Triathlon-Verein an und konnte am Olympiastützpunkt Saarbrücken eine optimale Trainingsbetreuung mit Leistungsdiagnostik und Ernährungsberatung durch Wilfried Kindermann wahrnehmen. Bis zu 240 Kilometer lief Ferri Abolhassan in der Spitze in den letzten Wochen vor dem Ironman. 12:30 Stunden war 1982 seine respektable Finisherzeit in Roth und den Triathlon-Virus sollte er nie mehr ganz loswerden. Inzwischen hat er - neben 25 Marathons – fünfmal die Ironman-Distanz gefinisht. Seine Bestzeit liegt bei 9 Stunden.

Berufsbedingt und basierend auf der Einschätzung sich nicht mehr verbessern zu können, hörte er von heute auf morgen mit dem Leistungssport auf. Bis er eines Tages, beruflich bei SAP längst etabliert, dachte: »Das ist nicht alles, da muss dringend etwas passieren.« Ein Schlüsselmoment, in Folge dessen er das Laufen wieder bewusst in seinem Leben verankerte. Auch heute kommt er noch auf 70 bis 80 Kilometer pro Woche. Und alle fünf Jahre möchte er wieder Saarländischer Marathonmeister in seiner Altersklasse werden, wie er Andreas Butz während des gemeinsamen Halbmarathonlaufs beim Gourmet Marathon 2012 in Saarbrücken verriet.

 

Andreas Butz: Triathlon ist ein sehr zeitintensiver Sport. Wie haben Sie das Training damals während des Studiums gemeistert?
Ferri Abolhassan: In der Studienzeit habe ich trotz einer studentischen Stelle an der Uni, mit einem Vertrag über 45 Stunden im Monat, auch parallel zu meiner Promotion, pro Tag sieben bis acht Stunden trainiert. Morgens um halb sechs bin ich ins Schwimmbad gegangen und pünktlich um sieben Uhr saß ich am Schreibtisch in der Universität. In der Mittagspause bin ich zwei Stunden im Wald, direkt an der Uni, gelaufen. Abends ging es dann noch einmal für vier bis fünf Stunden aufs Rad. Und am Wochenende habe ich ebenfalls lange Touren absolviert. Als ich das Gefühl hatte mich nicht mehr verbessern zu können habe ich, auch berufsbedingt, diese intensiven sportlichen Aktivitäten erst mal eingestellt.
Andreas Butz: Und heute?
Ferri Abolhassan: Heute bin ich wieder ein ganz »braver« Jogger, surfe viel, fahre Snowboard und vor allem ist jetzt mittlerweile auch wieder Tennis und Fußball mein Sport. Aber ohne Laufen geht es bei mir gar nicht. Ich stehe jeden Morgen um sechs Uhr auf, um zu laufen. Die Zeit zum Laufen richte ich mir immer ein, selbst wenn eine Geschäftsreise ansteht. Dann stehe ich um vier Uhr auf und laufe von halb fünf bis halb sechs. Das macht mir nichts aus, ganz im Gegenteil: es sichert meine Energiebalance für den Tag. Ich bin dadurch einfach komplett ausgeglichen.
Andreas Butz: Früher bis zu 7 Stunden Training am Tag und auch heute stehen Sie noch vor sechs Uhr auf um zu laufen. Das klingt sehr diszipliniert.
Ferri Abolhassan: Wenn mir etwas großen Spaß macht, beschäftige ich mich diszipliniert und intensiv damit und empfinde es keineswegs als Belastung. So diszipliniert bin ich, wenn ich sehe, dass ich damit richtig etwas erreiche. Dann ist auch die Uhrzeit zweitrangig.
Andreas Butz: Auch ohne ambitionierte sportliche Ziele laufen Sie auch heute noch täglich?
Ferri Abolhassan: Ja, ich laufe jeden Tag, außer wenn ich mal krank bin. Sonst gibt es keinen Tag im Jahr, an dem ich nicht laufe. Am Wochenende mache ich sehr gerne mit Freunden einen längeren Lauf. Heute ist meine durchschnittliche Distanz so ca. 90 Kilometern pro Woche.
Andreas Butz: Wie sieht heute ihr Tagesablauf aus?
Ferri Abolhassan: In der Regel stehe ich morgens gegen 6 Uhr auf und bearbeite zunächst E-Mails. In meinem Bereich arbeiten ca. 25.000 Mitarbeiter in 23 Ländern. Daher widme ich mich zuerst immer den E-Mails, die mit den entsprechenden Zeitverschiebungen in der Nacht bzw. am Morgen eingehen. Danach gehe ich mit einem guten Gewissen 45 bis 60 Minuten laufen. Um halb neun bin ich dann »ready to go« für das Büro, habe schon E-Mails gemacht, bin gelaufen und habe bereits die wichtigsten Themen für den Tag disponiert. Das ist mein täglicher Regelablauf. Sollte ich wegen Reisen früher starten, dann laufe ich auf jeden Fall früher.
Andreas Butz: Was bringt Ihnen das Laufen noch außer Grundlagen für Tennis, Fußball und ein gutes Gefühl etwas getan zu haben?
Ferri Abolhassan: Ich laufe auch für meine Energiebalance. Da mein Grundumsatz relativ niedrig ist, brauche ich den Sport als Ausgleich. Mit genau drei Mahlzeiten pro Tag und abends keinerlei Kohlenhydraten ernähre ich mich zudem schon diszipliniert. Für mich hat Laufen aber auch einen weiteren sehr angenehmen Nebeneffekt. Der gehört für mich unbedingt zum Tagesablauf dazu: Ich strukturiere den Tag und auch meine Arbeit bereits während des Laufens gedanklich. Beim Laufen habe ich drei Phasen: In der ersten Phase kämpfe ich etwas gegen die Müdigkeit. Dann in der zweiten Phase, genieße ich das tolle Gefühl einfach durch die Landschaft zu laufen. In der dritten Phase, beschäftige ich mich bereits mit dem Tag und dem Job; und zwar ohne bewusstes steuern. Ich beginne beim Laufen meinen Tag zu planen und kann Themen dabei unheimlich gut strukturieren.

Auch am Wochenende, wenn ich vom Laufen zurückkomme, sammle und strukturiere ich erst mal eine halbe Stunde die Themen, die mir während des Laufs im Wald durch den Kopf gegangen sind. Ich gehe nicht mit dem Vorsatz laufen Probleme zu lösen. Nichtsdestotrotz hat sich für mich diese Vorgehensweise mittlerweile sehr bewährt.

Zum Beispiel benötige ich vor wichtigen Vorträgen mittlerweile kaum noch Vorbereitungszeit. Ich schaue mir dann kurz vor dem Laufen, ca. eine dreiviertel Stunde, die Folien an. Diese Inhalte gehe ich dann beim Laufen durch. Gedanklich simuliere ich zwei-, dreimal den Vortrag und bin bestens vorbereitet. So kann ich direkt auf die Bühne gehen und z. B. vor 4.000 oder 5.000 Gästen sicher präsentieren. In solchen Fällen ist keinerlei exzessives Auswendiglernen vorab notwendig.
Andreas Butz: Warum laufen gerade immer mehr Führungskräfte?
Ferri Abolhassan: Die meisten Manager, die ich kenne und die laufen, sind »Spätberufene«. Diese Manager sind im Beruf erfolgreich und merken plötzlich, dass sie auch im Sport Erfolge erringen können. Und das sind oft Menschen, die sonst zuvor wenig andere Sportarten ausgeübt haben. Das treibt sicherlich enorm an, wenn man von sich sagen kann. »Ich hab mal einen Halbmarathon gelaufen in 1:40 oder 1:45 Stunden und jetzt starte ich bei einen Marathon.« Das sind per se extreme Erfolgserlebnisse, weil viele Manager vermutlich diese Art von sportlichem Erfolg in dieser Form noch nie hatten.

Im Laufen, wie in anderen Ausdauersportarten auch, kann man ja noch zu relativ spätem Zeitpunkt auch sportlich erfolgreich sein. Begründet durch die Altersklassenwertung. Und durch die Tatsache ist Ausdauersport durchaus länger zu betreiben. Aber meist sind es nicht die Zeiten, aus denen man Erfolge bezieht, sondern das erfolgreiche Realisieren der Distanzen. Mein Eindruck ist, dass viele Manager wenig andere »Ventile« haben als den Job, über den sie sich definieren. Diese Manager werden meines Erachtens über das Laufen einfach lockerer und erhalten nochmal eine weitere Dimension bezüglich ihrer Work-Life-Balance.
Andreas Butz: Welche Tipps haben Sie für alle, die noch keinen Zugang zum Laufen gefunden haben?
Ferri Abolhassan: Was ich am Laufen wirklich genial finde ist, dass man beim Laufen seine Arbeit und seinen Tagesablauf und seine Gedanken strukturieren kann. Das gelingt bei keinem anderen Sport. Wenn man beispielsweise beim Golfen an die Arbeit denkt, dann verreißt man gern den Schwung. Golfen, Klettern oder Surfen sind technisch anspruchsvolle Sportarten, die leiten die Gedanken eher weg.

Selbstverständlich habe ich in meinem Job nicht viel Zeit. Ich kann mir nicht erlauben lange über ein Problem nachzudenken. Und ich habe eine Lösung gefunden diese auf eine effiziente Art schnell so zu lösen, so dass es für mich körperlich und mental ideal ist. Laufen ist aus meiner Erfahrung ein extrem guter Weg diese Lösungen zu entwickeln.

Das ist für mich sehr authentisch, meine Arbeit auch beim Laufen zu organisieren. Diese Kombination empfinde als sehr entlastend.

Darüber hinaus verbinde ich das Laufen mit einem positivem gesundheitlichen Aspekt. Denn beim langsamen Laufen baut man auch Stresshormone ab, reduziert sein Gewicht und beugt einem Herzinfarkt vor. Ein weiterer Tipp ist, sich über den Sport eine ergänzende Anerkennung über die Erfolge zu verschaffen. Ich brauche das zwar nicht mehr zur grundsätzlichen Selbstmotivation. Aber dennoch ist es für mich ein Anreiz mit 50 nochmal Saarlandmeister werden.
Andreas Butz: Vielen Dank für das Interview!
April, 2012